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Übersetzen ist mehr als nur Übersetzen

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Ich möchte Sie heute auf eine Reise mitnehmen. Sie beginnt in unserer Kindheit, als wir die ersten Schritte gewagt haben in die berufliche Zukunft, die heute unsere Gegenwart darstellt. Im Verlauf dieser Reise gelangen wir an eine Kreuzung mit Wegweisern. Wir entschließen uns heute dem Weg zu folgen, der uns zum Beruf des Fachübersetzers führt. Wie viele andere Wege ist auch dieser nicht immer ganz gerade. Er verläuft in Kurven und wird beizeiten steinig. Unterwegs erhalten wir einen Einblick, welchen Herausforderungen sich der künftige Fachübersetzer stellen muss und welche Anforderungen an ihn herangetragen werden. Doch am Ende des Weges erwartet uns unser Ziel: Fachübersetzer zu sein, den Weg vollständig gegangen zu sein.

 

Die ersten kleinen Schritte zum Fachübersetzer

Erinnern Sie sich auch „gern“ an die gute alte (Schul-)Zeit? Unter dem strengen Blick des Englischlehrers oder – wie auch in meinem Fall – gar des Lateinlehrers erfolgt vor der ganzen Klasse die mündliche Abfrage der Vokabeln, die man brav in sein Vokabelheft notiert hat.

Mit vergleichsweise wenig Aufwand und einer guten mündlichen Note konnte man so schnell den einen oder anderen Makel aus Schulaufgaben oder Klausuren ein wenig ausbügeln, um so die Zeugnisnote etwas freundlicher zu gestalten.

Diese Schulaufgaben waren aber auch verzwickt und sind es sicher noch heute. Die Lehrer ließen sich immer etwas Neues einfallen, um die Schüler zu ärgern. Denn plötzlich waren da nicht mehr nur Vokabeln, die es auswendig zu lernen galt. Wir wurden mit ganzen Sätzen konfrontiert, deren Sinn und Intention es zu erfassen galt, mit flektierten Wortformen, die so gar nichts mehr mit dem gelernten Grundwort aus dem Vokabelheft zu tun hatten.

Hinzu kam Grammatik, um die Flexionen richtig einzuordnen und damit den Sinn des Satzes korrekt zu erfassen. Rechtschreibung, weil der Lehrer sonst den Rotstift ansetzte. Und dann noch diese mündlichen Diktate, in denen alles nochmals anders klang und man schnell den Faden und den Sinn verlor.

Manch einer findet sich womöglich in diesen Ausführungen wieder, die nicht zuletzt auf meinen eigenen Erfahrungen und Erinnerungen aus der Schule beruhen.

 

Vergessen Sie, was Sie in der Schule gelernt haben!

Und dann der große Schritt an die Universität. Einer der ersten Sätze, die einer unserer Dozenten sagte, war; „Vergessen Sie Ihr Schulenglisch. Jetzt lernen Sie die Sprache erst richtig.“ Und der französische Kollege begrüßte uns sinngemäß mit den Worten: „Das ist der letzte Satz, den Sie von mir auf Deutsch hören. Dès maintenant, on parlera français“. Französische Landeskunde in französischer Sprache nach gerade einmal fünf Jahren Schulfranzösisch – eine interessante Erfahrung. Der Beginn war mehr als holprig.

Doch damit nicht genug. Zu Landeskunde gesellten sich Sprechfertigkeit – mündlich und schriftlich – Phonetik (Hörverstehen) und Grammatik. Aber auch übergeordnete Sprach- und Übersetzungswissenschaften standen auf dem Lehrplan, um ein erweitertes Verständnis für Sprachgeschichte und Sprachentwicklung zu erlangen und im weiteren Verlauf die Sensibilität für den Sinn von Geschriebenem und Gesprochenem in der Muttersprache wie in der Fremdsprache zu steigern.

 

Wozu das alles, um Übersetzer zu werden?

Während die fundierte Einführung in Sprach- und Übersetzungswissenschaft mit dem Vordiplom ein Ende fand und danach eher eine Nebenrolle spielte, stand ich nun am Scheideweg, welchen außersprachlichen Fachbereich ich vertiefen wollte. Zur Wahl standen damals Technik, Jura sowie Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, aus denen wiederum je zwei Fachbereiche näher beleuchtet wurden.

Warum nun auch noch außersprachliche Fachbereiche? Der Hintergrund war der, dass man als künftiger Übersetzer eine Spezialisierung an die Hand bekam und neben Vokabelwissen auch fachliche Kompetenz erlangte. Diese ist unabdingbar, wenn man sich an der Übersetzung eines Textes versucht, wie mir im Laufe meines Studiums und auch danach bewusst wurde.

Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Während meines Studiums bat mich ein Bekannter, einige Texte aus einem englischen Forum zu Golfsport für eine deutsche Klientel „zugänglich zu machen“, ohne mich dabei zu sehr am Englischen zu orientieren.

Nun, als Student reichten weder meine fachliche noch meine finanzielle Kompetenz, mich praktisch dem Golfsport zu widmen, auch nur annähernd für ein solches Vorhaben, auch wenn ich in diesem Fall sehr frei in meinem übersetzerischen Handeln war. Ich durfte Inhalte kürzen und umschreiben, wie ich wollte, solange der Sinn und die Absicht der Nachricht erhalten blieben.

Es half nichts, ich habe mehrere Stunden in fortwährende Recherche gesteckt und trotzdem nicht viel von den unterschiedlichen Abschlag- und Schwungtechniken der Profis verstanden, die die englischsprachigen User untereinander diskutierten.

Geschweige denn, dass ich diese guten Gewissens auf Papier bringen konnte, ohne damit falsche Inhalte zu generieren. Nachdem ich mich mehrere Tage daran versucht hatte, musste ich den zugesagten Gefallen zurückgeben.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Ich möchte Ihnen näherbringen, welcher Weg und welche Kompetenz tatsächlich dahintersteckt, Fachübersetzer zu sein und zu übersetzen – und umso mehr, Fachübersetzer bei mt-g zu sein. Wie in so vielen Branchen und Berufen müssen auch die Menschen, die den Beruf des Fachübersetzers für sich entdecken und diesen Weg wählen, viel Zeit und Aufwand in ihre Ausbildung investieren.

 

Was es heißt vom Fach zu sein

Für einen Fachübersetzer reicht es nicht zu wissen, dass eine Bilanz im Englischen „balance sheet“ heißt, er muss auch verstehen, wie die Bilanz sich aufbaut, welche Posten als Aktiva aufgeführt werden und welche die Passiva sind (Sie haben mich ertappt, ich habe mich damals für den Zweig BWL und VWL entschieden).

Sonst kennt er zwar die Vokabeln, aber er versteht nicht die Zusammenhänge. Früher oder später wird dies in falschen Inhalten oder falschem Sinn enden, weil ein Wort oder ein Posten missdeutet wird. Was in einer Bilanz durchaus fatale Folgen haben kann.

Nicht viel anders verhält es sich in der Medizin. Ein Fachübersetzer, der zwar medizinisches Vokabular auswendig lernt, aber keinen medizinischen Fachhintergrund aufweisen kann, wird beispielsweise nicht erkennen, wenn sich im zu übersetzenden Text unbeabsichtigte Fehler eingeschlichen haben.

Fehler passieren, bei aller Professionalität stecken hinter Texten eben doch auch Menschen.

Aber der Fachübersetzer muss dann über die Kompetenz verfügen, diese Fehler zu erkennen.

Stellen Sie sich vor, ein Fachübersetzer hat einen Text zur chirurgischen Intervention bei Karpaltunnelsyndrom (Handgelenk) zur Übersetzung erhalten, aber im Text ist die Rede von einem Schnitt an der Leiste - wie er mitunter bei Herzkathetern vorgenommen wird. Trotz meines nicht vorhandenen medizinischen Hintergrunds reicht mein Verständnis in diesem Fall zwar dafür aus, dass ich stutzen würde. In einem anderen Fall würde ich aber brav „Schnitt an der Leiste“ recherchieren und den entsprechenden Begriff übernehmen. Da mir der medizinische Hintergrund fehlt, wäre ich in vermutlich jedem anderen Fall überzeugt, korrekt übersetzt zu haben.

So auch ein Fachübersetzer, der zwar die korrekte Bezeichnung für „Schnitt an der Leiste“ in seiner Muttersprache kennt, aber nicht über die medizinische Kenntnis verfügt, dass diese Anweisung in Verbindung mit einem Karpaltunnelsyndrom eher nicht zielführend ist.

Das zunächst zum fachlichen Aspekt, den ein Fachübersetzer mitbringen muss. Im Falle unseres Teams Medizintechnik beruht die fachliche Spezialisierung unserer Übersetzer in der Regel auf medizinischem und/oder technischem Hintergrund. Denn beispielsweise im Falle der Übersetzung von Gebrauchsanweisungen für ambulantes wie stationäres Inventar wie medizinische Liegen und Stühle oder für medizinische Großgeräte ist die technische Komponente der medizinischen nicht selten vorgelagert.

 

Fachübersetzer sind Sprachkenner mit Fachkenntnis und Zielgruppenverständnis

Nun spielt neben der fachlichen Kompetenz im medizinischen Bereich aber auch die übersetzerische Kompetenz eine wichtige Rolle. Wie ich aus meiner eigenen Ausbildung zum Diplom-Übersetzer erzählt habe, wurde in meinem Studium neben übersetzerischer Fertigkeit auch Wert auf Sprach- und Übersetzungswissenschaft gelegt.

Sprachgefühl, Ausdrucksstärke, die richtigen Worte im richtigen Kontext finden, auch das macht Übersetzen aus. Denn letztlich sollen auch die Adressaten eines Textes erreicht werden.

So stellt die Übersetzung eines Artikels für Fachpublikum Fachübersetzer vor andere Herausforderungen als eine Übersetzung für Laienanwender oder „einfache Bürger“.

Doch die Zielsetzung bleibt die gleiche: Der übersetzte Text muss für die jeweilige Zielgruppe verständlich und passend sein, die Intention des Textes muss die Zielgruppe erreichen.

Freut sich der medizinische Fachanwender über eine Dichte an lateinisch-medizinischen Fachbegriffen, so ist der Laienanwender in den meisten Fällen maßlos damit überfordert. Genau umgekehrt verhält es sich mitunter, wenn Fachpublikum ein Text präsentiert wird, der ursprünglich für Laienpublikum verfasst wurde. Der Text wird dem einen oder anderen zu banal und für eine Fachtagung ungeeignet erscheinen.

Hier kommt neben der fachlichen Kompetenz im Fachbereich nun auch die fachliche Kompetenz im sprachlichen und übersetzerischen Bereich hinzu. Der Übersetzer muss in seiner Sprache die richtigen Worte finden. Durch die sprachliche und übersetzerische Ausbildung bekommt er das notwendige Sprachgefühl dazu vermittelt.

Und auch die Bedeutung sprachlicher Feinheiten wird herausgearbeitet. Ich versuche dies im Folgenden anhand zweier Beispiele zu veranschaulichen.

Unser Freund Max Mustermann etwa hat in anderen Sprachen komplett andere Äquivalente. Im Englischen beispielsweise heißt Max oftmals „John Doe“ oder John Briggs“, nicht jedoch „Max Musterman“.

Weitere in diesem Zusammenhang gern angeführte Beispiele sind Redewendungen wie „Danach kräht kein Hahn“. Natürlich lässt sich diese Redewendung übersetzen, beispielsweise in „This is a thing no rooster will crow for.“

Und natürlich mag diese Übersetzung für englischsprachige Menschen mit Bezügen zur deutschen Sprache verständlich oder aus dem Kontext erschließbar sein.

Doch eines wird deutlich: Wirklich idiomatisch klingt sie nicht.

Das korrekte Äquivalent im Englischen lautet übrigens „Nobody cares two hoots about it“. Für den geneigten muttersprachlichen Leser (in diesem Fall eine englische Zielgruppe) wird allein anhand solcher Formulierungen deutlich, dass dem Ganzen ein anderer Text aus einer anderen Sprache zugrunde liegt.

Und auch wenn die Beispiele eher banal und allgemeinsprachlich sind, verdeutlichen sie eines: Sprachliche Nuancen zu erkennen und einen Text so aussehen zu lassen, dass er nicht übersetzt klingt, ist ein wesentlicher Aspekt beim Übersetzen und je nach Textgruppe durchaus eine Herausforderung.

Ist eine Gebrauchsanweisung für ein CE-zertifiziertes Medizinprodukt oftmals eher sachlich und an festen Normen und übersetzerischen Vorgaben und Referenzen orientiert (beispielsweise Symbolerklärungen, ISO-Titel, Überschriften, normierte Warnhinweise bei chemischen Produkten und Sicherheitsdatenblättern), so stellt eine Produktinformation oder Werbeanzeige zu demselben Produkt eine andere Herausforderung dar. Sachliche und nüchterne Sprache sind hier nicht erstrebenswert. Vielmehr sollen Produktvorteile betont werden, griffige Slogans ihren Catch behalten, der Interessent vom Produkt überzeugt werden.

Abgerundet wird dies von ausgeprägtem grammatikalischem Verständnis, einem Augenmerk auf Rechtschreibung und Tippfehler. Und einem Schreibstil, der dem Text, der Kundenanforderung und der Zielgruppe gerecht wird.

Diese Feinheiten, dieses Gefühl für Text und Sprache werden während des Studiums vermittelt.

Man bekommt ein Gespür dafür, was es bedeutet, Übersetzer zu sein.

Zwischen zwei Sprachen zu jonglieren.

Verantwortlich zu sein, dass dem Original auch in der Übersetzung in allen Facetten Rechnung getragen wird.

Und man gelangt zu der Erkenntnis: Übersetzen ist mehr, als eine Sprache zu sprechen oder zu verstehen – Übersetzen ist mehr als nur Übersetzen.

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